Über die Bildserie "Emmi's room"
von Korvin Reich 2010
Allerletzte Spuren
oder: Was von einem Leben übrigbleibt.
Eine Wohnung übergeben. Besenrein.
Der Umzug hat bereits stattgefunden,
die Räume sind leer. So gut wie leer. Was sich in diesem
Zustand der Wohnungs-Auf-Lösung noch
anfindet, ist hartnäckig: Reißzwecken, Staubnester,
Kleingeld, mumifizierte Fliegenkörper.
Zeugen eines längst über-lebten Daseinsabschnitts, wertlos,
sich nun demaskierend als Müll und Schmutz, überall anders,
überall gleich. Es scheint ebensoviel Mühe zu kosten
wie der Umzug selbst, auch die allerletzten Spuren
zu beseitigen.
Die Bilder Line Wasners vom Zyklus „Emmi's Room“ zeugen
von diesen hartnäckigen Spuren eines Lebens oder
Lebensabschnitts, Zeichen, die sich überall ähneln, Chiffren
sind, aber dennoch, verborgen und gleichzeitig unverblümt,
auf Geschichten verweisen.
Die Chiffren auf den Bildern zeigen diesen Charakter des
Zeichenhaften und Geheimnisvollen, des immer Unfertigen,
Flüchtigen. Der Raum, nachdem die Gegenstände fort sind,
verwe(a)ist noch immer auf deren verlorene Gegenwart und
befindet sich somit im Bereich zwischen gegenständlich und
raumhaft-abstrakt.
Die Dinge, die sich noch finden, irgendwann unter einen
Schrank gefallen und vergessen, sind nun zweck-los und
gleichsam ins Form-lose übergehend.
Auch Wände sind solch stumme Lebenszeugen: Risse,
die alte Tapeten zum Vorschein bringen, helle Bilderschatten,
ein alter Werbekalender, Aufkleber, Flecken.
Nach der Maueröffnung gab es im Ostteil von Berlin viele fast
fluchtartig verlassene Altbau Wohnungen, in deren Wände sich
nicht nur ein unbekanntes Leben, sondern auch eine
nun nicht mehr existente Staatsform eingegraben hat.
Line Wasners Bilder erzeugen den gleichen Eindruck
unkenntlich gewordener Individualität, von Fremdartigkeit,
von Verlassenheit. Sie erwecken die Illusion, beredt von
vergangenen Lebensgeschichten zu erzählen, doch dieser
Impuls bleibt irgendwo im leeren Raum und läuft
sprichwörtlich ins Leere.
Die Arbeiten zu „Emmi's Room“ sind Zeugen, die keine mehr
sind: Die Vergänglichkeit ist nun einmal unerbittlich.
Doch hin und wieder lässt sich vermeintlich eine deutlichere
Spur der Leere abtrotzen und man beginnt, Geschichten und
Träume zu suchen, Zusammenhänge, sich offenbarende
Geheimnisse. Und durch die Hintertür hinein spaziert auf
einmal Emmi, als wäre sie nie fort gewesen, unmittelbar in
einer Existenz, die doch machtlos ist gegen den unaufhaltsamen
Strom der Zeit.
On Emmi's Room (2006 - 2012)
In the beginning Emmi's room was the name for a series
of painted pictures. It includes about 20 pictures, most of
them in the dimensions 110 x 125 cm.
Later I transferred the idea of the fictional Emmi into actual
rooms and took her perspective.
Emmi is thereby the last of several former tenants whose
combined legacies I behold.
The arbitrariness of combining things left behind has
apparently already inspired Emmi, then me.
Emmi adds to what she has found, she adds things she likes,
copies favorite places and crosses out other things.
She leaves new traces and disappears.
With Emmi's help and influenced by the place where I was
working, I invented moods, interiors, actions and their traces
for the paintings. The result were still lifes, which I as a
painter had neither arranged nor chosen. Emmi stands for
the absence of an individual, whose peculiarities and
circumstances can only be read from the traces of her
actions in these rooms.
Emmi is exposed to the remnants and waste products
of her surrounding and draws her own conclusions from the
combination of these leftovers.
Emmi has always already left when I arrive.
Emmi establishes contexts of meaning, whose origin I cannot
always deduce. Thus an observation arises for which I do not
necessarily have to know the reason.
Could be it's precise because of my not knowing.
In the second part of the project, I set out to explore the
superimpositions of the found and the invented, of Emmi
and me in actual spaces.
(Emmi's Room at Ostrale Dresden, 2008. Das nur Eigene,
Triangle Arts Association, New York 2010 and
Verrückte Welt, meine Nase juckt immer noch.,
Galerie Oel-Früh, Hamburg, 2011)
Emmi's role changed as a result, she became a
consultant before her disappearing. I scoured the room
and signed in where I could still think of something to say
about what I had found. This method of being in dialogue
with the space or material has become characteristic for
my work then.
Über Emmi's Room (2006 - 2012) german version
Emmi's Room war anfangs die Bezeichnung für eine Serie
von gemalten Bildern. Sie umfasst etwa 20 Bilder, die
meisten davon in den Massen 110 x 125 cm.
Später übertrug ich die Idee von der fiktiven Emmi in
tatsächliche Räume und nahm ihre Perspektive ein.
Emmi ist dabei die letzte von mehreren ehemaligen Mietern,
deren kombinierte Hinterlassenschaften ich erblicke.
Die Willkür der Kombination von zurückgelassenen
Dingen hat offenbar schon Emmi inspiriert, mich dann auch..
Emmi ergänzt das Gefundene, sie fügt Dinge hinzu die ihr
gefallen, kopiert Lieblingsstellen und streicht anderes durch.
Sie hinterlässt ein paar neue Spuren und verschwindet.
Mit Emmis Hilfe und beeinflusst von dem Ort an dem ich
arbeitete, erfand ich Stimmungen, Interieurs, Handlungen
und deren Spuren für die Bilder. Es entstanden Stillleben,
die ich als Malerin weder arrangiert hatte noch ausgesucht.
Emmi steht für die Abwesenheit eines Individuums, dessen
Eigenheiten und Lebensumstände aus den Spuren ihres
Handelns in diesen Räumen gelesen werden müssen.
Emmi ist den Überbleibseln und Abfallprodukten ihres
Kulturkreises ausgesetzt und stellt aus der Kombination
dieser „Reste“ eigene Zusammenhänge her.
Sie ist immer schon gegangen, wenn ich eintreffe.
Emmi stellt Sinnzusammenhänge her, deren Ursprung ich
nicht immer ableiten kann.
So entsteht eine Beobachtung, deren Grund ich nicht
unbedingt kennen muss und die durch diese Fremdheit
womöglich präzise ist.
Im zweiten Teil des Projektes habe ich mich darauf verlegt,
den Überlagerungen von Gefundenem und Erfundenem,
von Emmi und mir in tatsächlichen Räumen nachzugehen.
(Emmis Room auf der Ostrale Dresden, 2008/
Das nur Eigene, Triangle Arts Association, New York 2010/
Verrückte Welt, meine Nase juckt immer noch.,
Galerie Oel-Früh, Hamburg, 2011) Emmis Rolle veränderte
sich dadurch, sie wurde zu einer Beraterin,
ehe sie verschwand. Ich durchforstete den Raum und schrieb
mich dort ein, wo mir noch etwas einfiel zu dem, was ich
vorgefunden hatte.
Diese Methode, im Dialog mit dem Raum oder Material
zu stehen, ist charakteristisch für meine Arbeit geworden.
aus dem Pressetext zur Ausstellung
Verrückte Welt, meine Nase juckt immer noch.
In der Galerie Oel-Früh, 2010 von Anna Carla Brokof
In dem seit 2006 fortlaufenden Projekt emmis room
beschäftigt sich LW mit den willkürlichen Hinterlassenschaften
wie man sie in entmieteten Wohnungen vorfindet.
Unterstützt von der fiktiven Figur Emmi ergänzt sie das
vor Ort gefundene, fügt Dinge hinzu, kopiert Lieblingsstellen
und streicht anderes durch.
Die Idee von der immer kurz voher aufgebrochenen Emmi
bestimmt auch immer die Arbeit vor Ort. Daraus ergeben sich
Stimmungen, Interieurs, Handlungen bzw. deren
Spuren für die Bilder und Installationen der Künstlerin.
Emmis Abwesenheit und ihr dadurch immerwährendes
Fremdbleiben garantieren einen klaren Blick. Sie befreit von
der Tradition der Dinge, weil sie fremde Motive hat und stellt
Sinnzusammenhänge her, deren Ursprung Vermutungen
bleiben.
Zu Gast in der Galerie Oel Früh wird LW diese Arbeitweise
auf die durch ihre Lage so besonderen Räume der Galerie
anwenden. Aus einer Kombination von mitgebrachten
Arbeiten und Einschreibungen, die während eines
vorübergehendem Einzugs entstehen,
werden Ort und Arbeit zueinandergebracht.